Ein Menschenleben – hier werden meine Gedanken Platz finden – darüber, was so passiert ist in den letzten Jahren. Va. aber, was ich damit JETZT mache.


 

Mittlerweile sind fast zwei Jahre vergangen seit den ersten Beiträgen. Wir schreiben den Februar 2018.

Der Alltag hatte mich so fest im Griff, dass ich zum bloggen keinen Zugang fand. Doch nun hat sich einiges geändert! Aber langsam. Was ist passiert in den letzten zwei Jahren:

ich bin dann tatsächlich weitergereist, nach meinem Stop in meiner Heimatstadt. Flog zuerst nach Sri-Lanka, oder nach Thailand, das weiß ich nun nicht mehr, ja, ich denke, ich war in Bangkok, und von dort nach Sri-Lanka. Oder flog ich gleich von Dubai auf Sri-Lanka? Wäre logischer…wie auch immer. Ich war in Sri Lanka, danach in Singapur, HOngkond, Thailand und dann auf den Philippinen.  Sylvester verbrachte ich nicht in Singapur, sondern in Sri-Lanka. Ich feierte ausgelassen mit einem Wiener Ehepaar und deren Freundin, die in Sri Lanka lebt. Es war herrlich. Tanzen im Sand und dazu das Rauschen des Meeres…

Meine Tochter traf ich dann in Singapur, nur für ein paar Stunden. Sie war gerade auf ihrer Rückreise von Australien und hatte einen Zwischenstop in Singapur. Wir machten eine kleine Bustour durch die Stadt, kamen in einen Tropenschauer und danach verkühlte ich mich derart stark durch die Klimaanlage im Bus, dass diese Verkühlung die nächsten zwei Monate in etwa anhielt.

Mit hohem Fieber reiste ich dann von Singapur auf die Philippinen. Ich war zu schwach um mir ein Hotelzimmer in Cebu, dem Ankunftsflughafen, zu suchen. Also mietete ich mir einen Fahrer mit Van, wo ich mich auf den Rücksitz legte um zu schlafen. So eine Fuhre hatte er wohl auch selten…er musste nämlich nicht fahren, konnte spazieren gehen, damit ich schlafen konnte.

Als ich dann einigermassen wieder am Leben war, suchte er für mich nach einer Unterkunft, und am nächsten Tag dann schaffte ich es, mit der Fähre zu meinem eigentlichen Ziel zu kommen, und dort mein schon vorab gebuchtes Hotelzimmer zu beziehen. Schon beim Aufwachsen sah ich auf das Wasser und ich war einfach nur superglücklich. Allerdings erhielt ich keine gute Matratze. Sie stank fürchterlich und jetzt nachträglich denke ich, ich hätte mir selbst eine Eigene kaufen sollen…Danach flog ich nach Hongkong und Thailand, um dann wieder – ich glaube nur zwei Tage vor Arbeitsbeginn – wieder zuhause zu landen.

 


 

Wieder zuhause angelangt, im März 2016: und siehe da…wir hatten eine neue Chefin bekommen. Ich hatte in meinem langen Berufsleben schon oft Unglück mit Chefs gehabt – aber sie schlug alle! Ich möchte nun gar nicht viel darüber schreiben – es bringt mir nur unangenehme Gefühle. Sagen wir kurz: es war der Horror.

Zuhause fühlte ich mich irgendwie auch nicht mehr wohl. Ich fühlte mich alleine, ja einsam und ich hatte die Befürchtung, Depressionen zu bekommen. Nach so einem Wahnsinnsjahr dann alleine zuhause…und in der Arbeit nur Stress und Kränkungen. Ich erinnerte mich an den Herbst 2015 – an meinem Inlandsaufenthalt und den vielen geflüchteten Kindern, die im Herbst, es war kalt und nass, in unbeheizten Zelten in Flüchtlingslagern schlafen mussten. Und irgendwie sprang mir eine Überschrift ins Auge: „Gasteltern für unbegleitete Flüchtlingskinder gesucht“ – und ich dachte, ich sehe mir das mal an. Ich lebe alleine, habe ein Einkommen und ein Kind mitzuversorgen, das muss sich doch ausgehen. Ein Mädchen, geflüchet ohne Eltern, aus dem Kriegsgebiet Syrien, vielleicht um die 17, das nur ein Jahr bei mir ist, damit ich ihr eine Starthilfe im fremden Land geben kann…denn mit 18 muss sie dann sowieso wieder ausziehen. So war mein Plan – der, wie Pläne nun mal sind – dann ganz anders kam.

Aus dem gewünschten 17jährigen Mädchen aus Syrien wurden zwei Mädchen, 10 und 14 Jahre alt.  Unbegleitete Flüchtlingskinder. Ich sollte sie mir nur mal „ansehen“, sagte die Psychologin des Vereins, der die Kinder vermittelte. Nunja….aber kann man Kinder „ansehen“ und dann Nein sagen? Ich konnte das nicht…also zogen sie im August 2016 dann zu mir, allerdings mit der Aussicht, dass sie dann später in eine WG kommen werden. Und ich erhielt überraschenderweise Gastelterngeld. Das verbrauchten wir zwar fast zur Gänze für Kino, Mac Donalds, Ausflüge und Restaurantbesuche – aber immerhin, ich brauchte selbst nichts finanziell beitragen. Das Gastelterngeld war quasi das Dankeschön des Staates, dass sich Erwachsene um Kinder in Not, fern der Heimat und ohne Unterstützung und Eltern, kümmern und gut versorgen.

Meine Leben änderte sich mit ihnen schlagartig. Ich kann hier nicht beschreiben, was wir alles erlebten, was alles zu tun war, wie anstrengend die Zeit war, aber auch wie schön. Dennoch kam ich oft an meine energetischen Grenzen: nach einem langen Arbeitstag (mit dieser Chefin…) und auch in einem nicht gerade einfachen Beruf mit oft sehr schwierigen Lebenswelten in die man eintauchen musste, waren dann noch die Einkäufe zu erledigen, Hausarbeit, lernen mit den Kindern für die Schule und vor allem die schwierige, schwierige Kommunikation untereinander. Es war nicht möglich zu sagen: „bitte mach die Türe zu“ – denn von diesem Satz wurde gerade das „bitte“ verstanden, mehr aber auch nicht. In der gesamten Wohnung klebten kleine Zettelchen mit Namen der Dinge…Türe, Schneidbrett, Messer, Glas, oben, unten, rechts, links, hinten, über, unter….das alles musste gelernt werden. Neben Schule und Beruf. Doch sie sind stark, und ich bin stark – und so haben wir das geschafft. Und darauf bin ich stolz. Auf sie und auf mich. Wenn sie in Österreich bleiben dürfen, dann werden sie tolle Bürgerinnen werden. Das weiß ich. Die Kleine will Ärztin werden und die Große Anwältin. Wir werden sehen…es wird ein harter Weg, aber sie haben schon soviel geschafft in ihrem kurzen Leben, warum dann nicht auch das?

Nun werden sie nächste Woche in die geplante WG übersiedeln – aber ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich machen durfte. Was ich lernte – über mich und Andere, die dabei involviert waren. Es wird ihnen mit Sicherheit gut gehen in der WG. Und sie haben sich toll entwickelt. Die Jüngere geht in ein Gymnasium, die Ältere in eine berufsbildende Schule. Sie haben in dne 18 Monaten wo sie bei mir waren, unsere Schrift schreiben gelernt, Deutsch so gut gelernt, dass auch tiefere Gespräche möglich sind, tragen als muslimische Mädchen Shorts und T-Shirt und lieben Schwimmen gehen – was für sie zuhause undenkbar, ja sogar verboten, war. Sie haben sich wunderbar und in aller Schnelle integriert in dem Sinn, dass sie so sein möchten, wie alle anderen österreichischen Mädchen auch: nämlich frei – sagen zu dürfen, was sie wollen; anziehen können, was sie möchten; rausgehen mit hocherhobenen Kopf statt auf den Boden zu blicken und vieles Andere mehr.

UND: ich bin seit ein paar Tagen in Pension. Diese Nachricht erhielt ich mit der Post vor ein paar Tagen am Morgen. Zu Mittag des selben Tages besichtigten wir die WG zum ersten Mal, und am Nachmittag dann um 14:45 erhielt ich die Nachricht von meiner Mutter, dass meine Oma gerade die Augen für immer geschlossen hat.

Am Vortag brachte ich meine Oma noch nach Hause vom Krankenhaus. Geplant war eigentlich, dass ich meine Oma zu mir nehme, wenn dann die Mädchen ausgezogen sind. So weit kam es dann leider nicht mehr. Sie hat mich groß gezogen, sie war der einzige Mensch ausgenommen meiner Tochter, der mich wirklich vorbehaltlos liebte. Und ich sie. Das wusste sie. Ein Blick reichte – wir wussten es. Am Samstag wird das Begräbnis sein, und ich habe noch gar keine Energie gehabt, mich damit auseinanderzusetzen, was ich nun machen werde, wo ich in Pension sein werde. Pension…das bedeutet für mich: sehr, sehr wenig Geld, dafür viel, viel Freiraum.

Doch eins nach dem Anderen: diese Woche bin ich mit meiner ganzen Energie noch bei meiner Oma.

Nächste Woche brauchen mich dann die Mädchen zwecks Übersiedlung in die WG, und ein weiterer aber anderer Abschied wird erfolgen.

Dann, in der dritten Woche, möchte ich beginnen, mich mit meinem neuen Lebensabschnitt, der Pension, zu beschäftigen.

 

 

 

 

 

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